Eine Zwischenbilanz

Die Ruhrmetropole Essen, im Herzen des "Reviers" gelegen, ist mit rund 597.000 Einwohnerinnen und Einwohnern die sechstgrößte Stadt Deutschlands. Sie durchschreitet einen grundlegenden Strukturwandel: vom einstigen Stahl- und Kohlestandort zur Einkaufs- und Dienstleistungsstadt. Daneben ist Essen eine agile Messestadt. Kunst und Kultur werden vor allem im Museum Folkwang und an der Folkwang-Hochschule, aber auch im Aalto-Theater, im Grillo Theater, in der Villa Hügel und in den stillgelegten Zechen Carl und Zollverein gepflegt. Die Universität Duisburg-Essen hat in Forschung und Lehre Rang und Namen. Durch die relativ kompakte Siedlungsstruktur im Nordteil der Stadt sind die Distanzen im Nahverkehr gering und bieten, begünstigt durch die Topografie, ideale Bedingungen für den Radverkehr. Im Süden der Stadt, an den Ausläufern des Bergischen Landes, laden das Ruhrtal, der Baldeneysee, ausgedehnte Wälder und der Gruga-Park erholungssuchende Radlerinnen und Radler ein.

Planungsgeschichte und Zielvorstellungen

Schon vor der Aufnahme ins Landesprogramm "Fahrradfreundliche Städte und Gemeinden in NRW" im März 1995 betrieb die Stadt Essen eine koordinierte Radverkehrsplanung, die Anfänge reichen bis ins Jahr 1992.

Ziel aller Maßnahmen ist es, bessere Bedingungen für den Radverkehr zu schaffen und so dessen Anteil am Gesamtverkehrsaufkommen spürbar zu erhöhen. Radfahren soll attraktiv, komfortabel und sicher werden, damit möglichst viele Autofahrer bei innerörtlichen Fahrten den Wagen stehen lassen.

Die Stadt Essen sieht ihre vorrangige Aufgabe darin, das Hauptroutennetz, das die Stadtteile untereinander und mit den Nachbarstädten verbindet, auszubauen und zu vervollständigen. Hier wählten die Verkehrsplaner - je nach örtlicher Gegebenheit - unterschiedliche Varianten: selbständig geführte Radwege (entlang von Gewässern, durch Grünanlagen und Erholungsgebiete), Bordsteinradwege, Radfahrstreifen, Schutzstreifen oder Fahrradstraßen.

Außerdem wurden zahlreiche alte Bahntrassen zu Radwegen umgebaut (Gruga/St. Annental, Veltenbahn, Trassen im Essener Norden). Hervorzuheben sind die großen überregionalen Radwege wie die Kaiser-Route, der Rundkurs Ruhr, der IBA Emscherpark Radweg, der Regionale Grünzug B und der Radweg Kettwig-Werden. Verbesserungen für Radfahrerinnen und Radfahrer brachten auch Tempo 30-Zonen, offene Sackgassen und aufgehobene Abbiegeverbote.

Örtliche Handlungsschwerpunkte

Die Stadt Essen setzt bei der Fahrradförderung auf folgende Schwerpunkte:

Öffnung von Einbahnstraßen für den Radverkehr

1991 wurden die ersten echten Einbahnstraßen für den Radverkehr geöffnet: Auf dem Promenadenweg und der Brigittastraße entstanden Bordsteinradwege, die baulich von der Fahrbahn getrennt sind. Auf der Suche nach finanziell günstigeren Lösungen führte die Stadt ein Pilotprojekt durch. Sie legte in der Breslauer Straße, Dollendorfstraße und Husmannshofstraße Radwege gegen die Fahrtrichtung an, die nur durch eine Markierung von der Fahrbahn getrennt sind. 1994 folgte dann auch die Öffnung der ersten unechten Einbahnstraßen. Treitschke-straße, Melanchthonstraße und Girardet-straße wurden mit der Zusatzbeschilderung "Radfahrer frei" gekennzeichnet.

Die Stadt Essen hat mit der Öffnung unechter und echter Einbahnstraßen sehr gute Erfahrungen gemacht, bis heute sind keinerlei Konfliktsituationen zwischen Auto- und Radverkehr bekannt geworden. Daher sollen kurz- bis mittelfristig 70 von insgesamt rund 470 Einbahnstraßen im Stadtgebiet geöffnet werden, um das Hauptroutennetz für Radfahrerinnen und Radfahrer weiter auszubauen und zu verdichten.

Einrichtung von Fahrradstraßen

In Essen gibt es inzwischen auch zahlreiche Fahrradstraßen. Die ersten entstanden 1994 im sogenannten "Mädchenviertel" in Rüttenscheid. Hier liegen zahlreiche öffentliche Einrichtungen dicht beieinander: mehrere Schulen, Kindergärten, ein Schwimmzen--trum und ein Altenheim. Da in diesem Gebiet ein hohes Radverkehrsaufkommen zu verzeichnen ist und die Kfz-Anteile relativ gering sind, wurden fünf Wohn- und Anlie-ger-stra-ßen in Fahrradstraßen umgewandelt. Diese Fahrradstraßen bilden nun zusammen mit den angrenzenden Einbahnstraßen eine "fahrradfreundliche Zone".

Zwei unabhängige Untersuchungen haben gezeigt, daß die Unfallzahlen im Gebiet deutlich zurückgegangen und die Zahl der Radfahrerinnen und Radfahrer um 20 bis 30 Prozent gestiegen sind. Durch die Ausweisung der Von-Einem-Straße als Fahrradstraße konnte zugleich eine wichtige Netzlücke geschlossen werden. Die positiven Erfahrungen im "Mädchenviertel" haben dazu geführt, daß die Stadt Essen inzwischen auch in anderen Stadtteilen Fahrradstraßen eingerichtet hat, 1998 sollen vier weitere realisiert werden.

Sicheres Queren von Knotenpunkten

Damit Radfahrerinnen und Radfahrer sicher über Knotenpunkte kommen, werden in Essen seit 1992 an Kreuzungen und Einmündungen grundsätzlich Radfahrerfurten über die nachgeordnete Straße markiert. Diese Furten sind durch eine weiße Blockmarkierung und Roteinfärbung gekennzeichnet. Außerdem sind Fahrradpiktogramme aufgebracht, um Autofahrer auf den Radverkehr aufmerksam zu machen. Beim Linksabbiegen wird eine direkte Führung des Radverkehrs gewählt, wenn

  • im Kraftfahrzeugstrom ausreichend Lücken vorhanden sind,
  • nicht mehr als zwei Fahrstreifen zum Einordnen zu überqueren sind und
  • die durchschnittliche Geschwindigkeit unter 50 km/h liegt.

Bei Zufahrten untergeordneter Straßen mit einer Ampel, an der die Rotphase länger als die Grünphase ist, wird direktes Linksabbiegen durch einen aufgeweiteten Radaufstellstreifen ermöglicht (zum Beispiel Kerckhoffstraße, Heißener Straße, Brigittastraße).

Fahrradboxen mit Chip-Karten-System

Ganz neue Wege ging die Stadt Essen mit dem Versuch, Radfahrerinnen und Radfahrern sichere und komfortable Abstellmöglichkeiten für ihre Räder anzubieten. Im bundesweit ersten Modellversuch (!) installierte sie an mehreren Stellen im Stadtgebiet Fahrradboxen, die ein diebstahlsicheres und wettergeschütztes Abstellen von Rädern und Zubehör (Fahrradkorb, Packtaschen, Regenkleidung) ermöglichen und Beschädigungen ausschließen.

Natürlich sollen die kostenpflichtigen Fahrradboxen - die Benutzung kostet 100 Mark pro Jahr, für die Chip-Karte muß eine Kaution von 20 Mark hinterlegt werden - nicht das Bike + Ride-System ersetzen, das im Bereich von Bahnhöfen angeboten wird. Sie sind ein zusätzliches Angebot, das sich vor allem an Autopendlerinnen und -pendler richtet, die auf die Bahn umsteigen wollen.

Die Fahrradboxen sind mit einem elektronischen Chip-Karten-System ausgestattet. Die Chip-Karte funktioniert ähnlich wie eine Telefonkarte und wird von einer zentralen Stelle ausgegeben. Wenn sie vor ein markiertes Lesefeld gehalten wird, öffnet sich die Box. Die neue Technik bringt gegenüber herkömmlichen Systemen einige bemerkenswerte Vorteile:

  • Das sogenannte Transponder-System, ein berührungsloses Kartensystem, macht die Boxen absolut sicher vor Zerstörungen. Es gibt weder Schlösser noch Schlitze, die durch äußere Einwirkungen lahmgelegt werden können.
  • Durch die programmierbare Software können die Boxen von Kurzzeitparkern genutzt, aber auch für Langzeitparker reserviert werden.
  • Die Nutzung einer Box kann individuell an jeden Kunden angepaßt werden, so daß eine optimale Ausnutzung der Kapazitäten gewährleistet ist.
  • Durch das Kartensystem ist jederzeit eine Kontrolle der Boxen möglich.
  • Über das Transponder-System kann an jeder Kurzzeitparker-Box abgelesen werden, ob sie gerade genutzt wird.

Auch bei der Stromversorgung zeigte sich die Stadt Essen sehr experimentierfreudig: So werden derzeit mehrere Fahrradboxen mit Solarenergiezellen betrieben. Sollte sich die Solartechnik bewähren, werden künftig alle Fahrradboxen damit ausgestattet.

Um die Zahl der Fahrradboxen möglichst schnell zu erhöhen, entwickelte die Stadt Essen ein "Sponsoringverfahren": Private Firmen übernehmen Finanzierung und Wartungskosten einer Box und dürfen im Gegenzug Werbung anbringen. Eine entsprechende Vereinbarung mit der Deutschen Städtereklame macht dies möglich. Die elektronisch abschließbaren "Mini-Garagen" erfreuen sich großer Beliebtheit. Zusätzlich zu den 78 bereits vorhandenen sollen daher 12 weitere Fahrradboxen installiert werden.

Ausblick

In Sachen Radverkehr hat sich in Essen in den letzten Jahren vieles getan. Eine fahrradfreundliche Stadt ist nach den verkehrspolitischen Sünden der 60er und 70er Jahre aber nicht von heute auf morgen zu realisieren. Doch wie es Essen geschafft hat, Vorbild und Vorreiter in den Bereichen Verkehrsberuhigung, Wohnumfeldverbesserung und Einrichtung von Fußgängerzonen zu sein, so wird sie bald auch eine fahrradfreundliche Stadt sein. Politik und Verwaltung werden weiter konsequent daran arbeiten, den Radverkehr zu fördern und seinen Anteil am Gesamtverkehrsaufkommen von derzeit 5,2 Prozent deutlich zu steigern. Das Fahrrad soll auch in einer Großstadt wie Essen ein alltagstaugliches Nahverkehrsmittel sein.

Gegenwärtig mißt das Hauptroutennetz ca. 200 Kilometer. Bis zum Jahr 2005 sollen rund 150 Kilometer hinzukommen. Außerdem wird sich die Stadt Essen am Projekt "Städte für morgen" beteiligen. Hier treffen sich kinderfreundliche Städte aus der ganzen Welt, um Ideen auszutauschen. Kinderfreundliches Radfahren wird dabei eine wichtige Rolle spielen.

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